Unsere Ziele: Interview zur Idee des Menüs in sechs "Gängen"
Wie kam es zu der Idee, die Konferenz in Eichstätt zu machen?
Als wir 2024 nach Eichstätt gezogen sind, weil Imke den Ruf auf die Professur für Philosophie bekam waren wir total begeistert von der Stadt und ihren Menschen. Im Deutschlandfunk sagte eine Bayerin: „Hier schauen sich die Menschen in die Augen!“ Wir haben vorher in hektischen Großstädten gelebt, u.a. in Berlin, Essen, Stuttgart und Osnabrück. Da war es ganz anders. Hier in Eichstätt schauen Eltern sogar (noch) ihren Kindern in die Augen und nicht permanent auf ihr Smartphone. Hier singen die Menschen und sind in jeder Lage hilfsbereit. Was für ein Unterschied. Außerdem gibt es ein wunderschönes Gebäude neben dem nächsten. Diese „Atmosphäre“ hier ist unglaublich! Das liegt sicher auch an den Jahrhunderten religiöser Erfahrungen und spirituellen Tiefgangs, geprägt durch die vielen Klöster und Kirchen. Doch – wenn wir das mit leuchtenden Augen den Einheimischen erzählten – war die Reaktion immer sehr ähnlich: „Jo mei, früher war’s schon noch lebendiger hier. Es gibt ja kaum noch etwas!“
Also seht ihr etwas anderes als die Eichstätter?
Ja, so scheint es. Wir haben eine andere „Brille“ auf. Eichstätt erinnert uns an Dornröschen, das jetzt mal wachgeküsst werden sollte. Wir sehen vor allem, was hier alles möglich wäre, wie sehen das unglaubliche Potenzial, das hier schlummert. Oft stehen in den beeindruckendsten Räumen nur ein paar Schreibtische. Da gibt es doch bessere Ideen?
Habt ihr ein Beispiel?
Viele! Wir wollten den Domherrenhof für unsere Konferenz mieten. „Das ist der zweitschönste Raum nach dem Spiegelsaal“, sagte uns eine Freundin. In ihm war früher ein Spitzenlokal, von dem heute noch alle schwärmen. Eines mit sehr guter und „echter“ Küche und einem warmherzigen Betreiberpaar, mit dem man dann nachher gern noch bei ein/zwei Gläsern zusammengehockt ist. Ein Segen für eine Stadt! Jetzt werden die Räume zu Büros für die Eigentümer-Bank umgebaut. Dafür gibt es aus Sicht der Bank gute Gründe, vor allem finanzieller Natur. Doch Bank-Büros kann man überall haben und ob die noch eine sinnvolle Zukunftsinvestition sind, ist äußerst fraglich. Auch die Genossenschaftsmitglieder dürften das skeptisch sehen. In jedem Fall ist die Konsequenz fatal! Offensichtlich fällt uns nichts Besseres ein, als solche unglaublichen Räume zu „beerdigen“, denn sie sind damit „tot“ und üben dieselbe Funktion wie ein Büro-Container aus. Mein Verständnis von ökonomischem und kulturellem Sachverstand sieht ganz anders aus. Hier fehlt die Idee, eine die auch für die Stadtentwicklung fruchtbar ist.
Ihr habt „viele“ gesagt?
Ein zweites Beispiel ist die Kirche von Karljosef Schattner, die Heilige Familie, die er im Geist des zweiten vatikanischen Konzils erbaut hat. Ihr droht das gleiche Schicksaal. Sie soll für viel Geld zu einem Lagerhaus umgebaut werden. Erhalten bliebe lediglich die Fassade, was an den absurden „Wiederaufbau“ des Berliner Schlosses erinnert. Der ehemalige Pfarrer der Gemeinde, Schmidt, sagte, dass Schattner sich im Grabe umdrehen würde. Jahrzehntelang wurden Schattners Werke und er als Person verhöhnt und geschmäht. Und jetzt droht „seiner“ Kirche dieses Schicksal, ausgerechnet durch die Diözese, deren Baumeister er war. Wir sehen schon, was in den Feuilletons der bedeutenden Zeitungen stehen wird … Was ließe sich stattdessen aus dieser Kirche alles machen – ganz im Sinne der Kirche und Schattners? Ein echtes „Pfund“ für kulturell gehobenen Tourismus! Und das sind erst zwei von sicher hundert solchen Räumen.
Was schwebt euch noch vor?
Die Stärken Eichstätts sehen wir nicht nur in dem unglaublichen Gebäudebestand und der synergetischen barocken und modernen Architektur, sondern auch in der einzigartigen Katholischen Universität, die eine Brücke schafft zwischen der tiefen religiösen Erfahrung und moderner, kritischer Wissenschaft. Dabei legt die KU – besonders in ihrer Neuausrichtung – ihr Augenmerk auf eine werteorientierte, aktive Gestaltung in gesellschaftlichen Fragen. Auch das hat enormes Potenzial, gerade wenn es gelingt, hier die herausragenden Köpfe zu einer konstruktiven Kooperation zu bewegen, die das synergetische Potenzial in Existenz bringt. Wir denken also nicht in Trennungen, sondern in Verbindungen von Wissenschaft, Kirche, Industrie, Kultur und Gesellschaft.
Jetzt zur Tagung. Warum in Eichstätt?
Imke ist für drei Jahre als Präsidentin der europäischen Emotionsphilosph:innen gewählt worden. Die ersten beiden Konferenzen hat sie (nach Athen, Pisa etc.) in Lissabon und Paris organisiert. Das sind alles richtig tolle Städte. Aber man verliert viel Zeit mit unfruchtbarer Mobilität und kommt aus zeitlichen und finanziellen Gründen kaum dazu, das eigentlich Interessante dort machen zu können. Eichstätt dagegen ist bereits eine moderne 10-Minuten-Stadt. Hier kann man das machen, worauf es ankommt: Tagen, reden und sich begegnen. Und das alles in einer unglaublichen Atmosphäre und mit herzlichen, hilfsbereiten Menschen. Eichstätt ist in (fast) jeder Hinsicht der perfekte „Begegnungs“-Ort.
Und dann wart ihr sofort für Eichstätt als Tagungsort?
Oh, nein. Einer von uns war sofort dafür. Er hat das vehement vertreten. Andere waren skeptisch und haben viele „Herausforderungen“ gesehen. Außerdem gab es Bedenken, ob ein Ort, der bei allen völlig unbekannt war (bei uns ja auch bis wir hierherkamen), attraktiv genug wirkt, um die Gäste zur Anreise zu bewegen. Zumal die Anreise einfach total umständlich und unzuverlässig ist. Das ist wirklich ein Problem … was sich am Ende leider in ganz anderer Weise bewahrheitet hat. Jedenfalls höhlt steter Tropfen den Stein, und so hat Eitel alle mit seine uneingeschränkten Begeisterung für Eichstätt angesteckt; auch die Einheimischen.
Worum ging es euch dabei?
Unsere Grundidee fing mit unserer Begeisterung für Eichstätt an und der Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten, die wir hier gesehen haben und dem was derzeit hier passiert. Wir haben nach Möglichkeiten gesucht einfach mal etwas in Bewegung zu bringen und an einem Beispiel zu zeigen was da drinsteckt. Wissenschaftler:innen wird ja oft nachgesagt, dass sie mit ihren Theorien immer etwas weltfremd bleiben. Das ist aber Quatsch – jedenfalls bei uns. Wir haben schon ganz viele solche Sachen gemacht, auch hoch professionell. Gerade Eitel hat an der Uni St. Gallen (HSG) fast jeden Monat ein solches Begegnungs-Forum in die Welt gebracht, um Manager zu begeistern und zusammenzubringen. Wir können Foucault und Heidegger unterrichten aber auch Würste braten und Teller spülen.
Wie kam es dann zu der Idee mit den sechs „Gängen“?
Wir sind am Anfang mit der Umsetzung total gescheitert. Keiner der sicher hundert Orte stand uns offen oder war geeignet. Es ist unglaublich, wie viele bürokratische Gründe es gibt, die positives Wirken unmöglich machen. Zahllose Stellen haben uns überhaupt nicht geantwortet. Und die Vorschläge, die dann kamen, waren teilweise so absurd, dass wir immer noch mit dem Kopf schütteln. Es gab dann eine Phase der Verzweiflung. Aber wir lassen uns nie unterkriegen und haben dann auf den Resett-Knopf gedrückt, um nochmal völlig neu nachzudenken. Und dann riefen wir plötzlich: Heureka! Eine Idee, die alles veränderte. Mit den sechs „Gängen“ lösten wir gleich zwanzig unserer zentralen Probleme auf einmal. Dabei war der springende Punkt, dass wir uns von unseren fixen Vorstellungen lösten und ganz neu nachdachten. Viele Menschen wollten uns ja helfen. Also haben wir überlegt, wie wir sie dazu befähigen, dass sie uns helfen dürfen. Deshalb haben wir an jedem der besonders schönen Orte gefragt: Was ist hier erlaubt? Was ist für euch OK? Wie können wir euch dabei helfen. Das veränderte alles!
Und dann?
Wir hatten eine Idee in die Welt gebracht und mit unseren Freund:innen diskutiert. Die wollten dann sogar mitmachen. „Klar, wir sind dabei! Wir freuen uns, euch zu helfen!“ Es gab sicher fünfzehn ehrenamtliche Helfer:innen, mit vollem Einsatz, einfach nur weil sie als unsere Freund:innen in unserem Team dabei sein wollten und sich für die Idee begeistert haben, Eichstätt ein wenig wachzuküssen. Sie alle haben geholfen, diese Begeisterung zu transportieren und Eichstätt damit schon etwas verändert. Damit sollten wir jetzt einfach weitermachen!
Gab es auch Probleme?
Es gibt jedenfalls noch vieles, das weiterentwickelt werden könnte. Wir mussten jedes Hotelzimmer einzeln verhandeln, wofür in anderen Städten eine E-Mail ans Stadtmarketing reicht, und die kümmern sich um ein Kontingent. Wir mussten selbst rausbekommen, welche geeigneten Orte es hier gibt und wie man da einen Zugang bekommt. Da wäre eine Art Liste hilfreich, bei der auch steht, wie man das (möglichst einfach) buchen kann, am besten ohne jemanden kennen zu müssen, der einen kennt … Vieles war intransparent und sehr mühselig. Auch bei der Qualität gibt es noch Luft nach oben, während es bei den Preisen noch Luft nach unten gäbe. Und: Wieso können wir nicht einfach auch die öffentlichen Toiletten nutzen, wenn wir vom Ordnungsamt eine Genehmigung für den Domplatz bekommen, sondern müssen wegen jedem Detail fünfzig Telefonate führen und bitten und betteln? Diese Dinge sollten einfach funktionieren und klar geregelt sein.
Richtig schlimm war für uns, dass wir mit rund 100 renommierten Wissenschaftler:innen vor dem Spiegelsaal standen – und der war verschlossen – trotz vertraglicher und persönlicher Zusicherung durch das Landratsamt! Ein Jahr Planung, Verhandlung etc. etc. und sogar ein Vertragsschluss, für den wir Geld bezahlt hatten – und dann ist einfach die Türe zu und niemand vor Ort. Wir haben dann hektisch rumtelefoniert und OB Grienberger hat alles getan, was in seiner Macht stand, um das noch irgendwie zu retten, aber ohne Erfolg. So etwas darf einfach nicht passieren! Nur ein verrückter Zufall und eine sehr „kreative“ Idee hat uns dann doch noch gerettet, in letzter Sekunde, sodass wir die unglaubliche Atmosphäre des Spiegelsaals zu den grandiosen Klängen von Bach und dem zauberhaften Spiel von Stella Netzer voll verinnerlichen konnten.
Die letzten siebzig Wissenschaftler:innen, die erst Samstag ihre Rückreise angetreten haben, erlebten dann den Super-GAU: Die Bummel-Bahn zum Eichstätter Bahnhof fuhr nicht. Gar nicht mehr! Einfach so. In jeder anderen Stadt hätte es sofort einen Schienenersatzverkehr gegeben. Aber hier: Nichts! Es gab auch keine Informationen. Es gab auch zu wenig Taxis, sodass diese für Stunden ausgebucht waren. Viele hatten Flüge von München aus, die sie auf keinen Fall verpassen durften. Das löst Panik aus und ganz erhebliche Kosten. Einige mussten dann von Eichstätt aus mit dem Taxi bis zum Münchner Flughafen fahren, um ihren Flug gerade noch zu erwischen. Also das ist wirklich eine Katastrophe und derart provinziell, dass uns die Sprache fehlt. Und dieses Problem taucht wieder und wieder auf. Wie oft stehen unsere Gastwissenschaftler:innen am Bahnhof Eichstätt und können nicht mal ein Taxi rufen, weil dort kein Netz ist. Selbst im Notfall kann man von dort weder zu Fuß noch mit dem Fahrrad fahren. Dabei erzählen die Alt-Eichstätter, dass sie vor 30 Jahren mit der Bahn in 54 Minuten bis nach München fahren konnten – Zuverlässig, wofür „Made in Germany“ einmal das Symbol war. Da gibt es also eine echte Herausforderung für die Zukunft.
Welche positiven Erfahrungen habt ihr gemacht?
Manche Orte entzaubern sich auch, weil sie langweilig werden oder hinter der Fassade nicht viel zu finden ist. In Eichstätt ist das ganz anders! Je tiefer wir in die Substanz eingedrungen sind, desto begeisterter wurden wir. Welche Lebendigkeit alleine der Domplatz, dadurch bekommen hat, dass dort echte „Begegnung“ stattgefunden hat. Und das im Schatten des wunderbaren Doms! Wo es früher einmal keine bessere Idee als zu parken gab wurde jetzt das unglaubliche Potenzial dieses magischen Ortes für die Menschen im eigentlichen Zentrum Eichstätts körperlich spürbar. Das kann man auch erleben bei der „Langen Tafel“, die jetzt zum zweiten Mal dort stattgefunden hat. Was für eine lebendige Idee!
Und je mehr wir mit unseren Kooperationspartner:innen zusammengearbeitet haben, desto intensiver wurden unsere Glückswallungen für diese unglaublich tollen Menschen hier und ihre herausragenden Produkte. Mitgemacht haben z.B. Martina Bach & Antonia Koch vom Naturpark Altmühltal, Schagg & Angelina vom wundervollen Ausflugsziel „Angelinas Altmühlrast“ in Pfalzpaint, Familie Lang von der Forellenzucht Lang in Regelmannsbrunn, Angelika & Georg Fieger mit ihrem Atelier am Kapellbuck, die wunderbaren Benediktinerinnen der Abtei St. Walburg, Andreas Blob von der Ziegelhütte, noch einem der herrlichen Ausflugsziel hier, die tollen Biobauern aus Preith, Michaele & Christoph Daum sowie Andrea & Franz-Josef Mayer, Martin Schneller mit seinen fantastischen Broten, Quiches, Focaccias und noch so vielem mehr, die „Kräuterhexe“ Brigitte Zinsmeister, Familie Stock von Feinkost Kelz, Udo Lang von caPPresso, Michael Gutmann mit seinem herausragenden Weizenbier, Josef Gabler von Getränke Gabler, Rebecca Schneider Böhm vom Occa und der Chocolatique, Annalena Frey vom Altstadtcafé, Gundl Krause & Andreas Deinhart von der Schreinerei Deinhart sowie Martin Rehm mit seinem Neue[n] Potenzial.
Bei der Öffentlichkeitsarbeit haben außerdem geholfen Dr. Christian Klenk für die KU (Fotos), Hubert P. Klotzeck (Fotos) und PD Dr. Robert Luff (Fotos & Texte) für den Eichstätter Kurier. Außerdem waren einige der Stadt- und Kreisräte dabei, Mitarbeiter:innen der Diözese, des Kreisjugendrings sowie Rotarier:innen und Niederländer. Last but not least Gabriele Gien, die Präsidentin der KU und Josef Grienberger, unser Oberbürgermeister, die uns erstmal zugehört und nicht gleich mit dem Kopf geschüttelt haben, um uns dann tatkräftig zu unterstützen und vieles möglich zu machen.
Dabei gibt es hier noch so viele tolle Handwerksmeister:innen mehr, die wir vielleicht bei der nächsten ver-rückten Idee auch noch miteinbeziehen können? In jedem Fall haben wir erlebt, was hier unglaubliches entstehen kann, etwas mit echter Wirkung, wenn so tolle Menschen ihr ganzes Engagement zusammenbringen und dabei kooperieren, Eichstätt zum Blühen zu bringen. Das macht Spaß und ist einfach klasse!
Würdet ihr das wirklich nochmal machen?
Auf jeden Fall! Diese leuchtenden Augen der Teilnehmer:innen … Die waren total geflasht! Außerdem ist Eichstätt der Hammer! Hier zu leben ist ein Traum! Wir sollten aber sehen, was bald auf uns zukommt. Bei Audi, den Zulieferern, der Kirche, der KU, den Ladenbetreibern etc. gibt es massive Probleme, die sich gefährdend auf den Standort auswirken werden. Deshalb ist es wichtig, jetzt loszulegen und nach veränderten Formen für die hiesige Wissenschaft, Industrie, Kirchen, Kultur und Gesellschaft zu suchen. Wir können damit nicht warten, denn sonst ist es zu spät. Deshalb sollten wir jetzt „loslaufen“ und diese unglaublichen Potenziale in Existenz bringen. Wer ist dabei?